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A. D. – zum 90. Geburtstag von Andrej Sacharow

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A. D. – Der Andersdenkende – Zum 90. Geburtstag von Andrej Sacharow

von Michael Hänel © 2008

Ich brauche etwa 40 Minuten, um mir langsam einen Weg durch die Menge zum Auto zu bahnen. Meine Frau Ljusja ist irgendwo in der Menge verschwunden. Während mich Hunderte von Blitzlichtern blenden, beantwortete ich unaufhörlich hastige Fragen in die Mikrofone. Ich spreche von den Gewissensgefangenen und rufe zu ihrer Freilassung auf; ich spreche von der Notwendigkeit, unsere Truppen aus Afghanistan abzuziehen, über Perestroika und Glasnost. [Andrej Sacharow, Mein Leben, Piper, 1991 S. 743]

Es ist ein Bild des Jahrhunderts. Das Gewissen der Sowjetunion kehrt aus der Verbannung nach Moskau zurück. Jetzt beginnt eine neue Zeit. Müde stellt er sich in der klirrenden Kälte den Fragen der Journalisten. Die wollen nur von ihm wissen, wird er Gorbatschow unterstützen? Oder, ist hier gar der neue Präsident Russland heimgekehrt? 

Andrej Sacharow ist 65 Jahre alt. Das Jahre lange Exil und die Hungerstreiks haben ihn krank gemacht. Das Herz ist schwach. Seine Frau und Mitkämpferin, Jelena „Ljusja“ Bonner, sorgt sich seit langem um ihn, den Andersdenkenden, den [ инакомыслящий] Inakomysljaščij. Freunde nennen ihn nur AD (kurz für Andrej Dmitriewitsch).


Die Welt feiert seine Freilassung, Sacharow trauert. Anatoli Martschenko, Tolja, der Freund, Arbeiter, Dissident, der verbotene Schriftsteller, ist vor ein paar Tagen in Haft gestorben, nach einem Hungerstreik, mit nur 48 Jahren.
Trotzdem, dieser 23. Dezember 1986 ist ein Dienstag, geht Sacharow nur Stunden nach seiner Rückkehr ins Institut für Physik der Akademie der Wissenschaften, so als sei er nie fort gewesen. Auf dem Weg dorthin war er 1980 verhaftet und danach verbannt worden.

Diese Stunden halten zugleich die beiden Enden des Lebensfadens von “AD” in der Hand.

Es wird so die Metamorphose des einen in den anderen Sacharow spürbar: wie aus dem Physiker – eingeschlossen in die geheimen sowjetischen Waffenschmieden – ein verantwortlicher Weltbürger wird, zunächst ein Andersdenkender, dann ein Dissident. Ich bevorzuge das alte russische Wort Vol’nomysljaščij (Freidenkender).

Sacharows Leben durchmißt die Sowjetunion, geboren am 21. Mai 1921, als das Regime sich stabilisiert hatte und gestorben 1989, als es von der Weltbühne verschwindet.
Es ist das Leben einer Metamorphose, wie er sich als Teil der Dissidenten – Bewegung, obwohl im Lande der Mehrzahl an Informationsquellen beraubt, selbst am Schopf aus dem Sumpf der herrschenden Ideologie zieht.

Turgenew schreibt ein Jahrhundert früher über den einsamen Weg heraus aus einer bekannten, sicheren Welt – über die Schwelle hinweg – in eine unbekannte, neue Zeit: … weißt du auch, was dich erwartet? Kälte, Hunger, Haß, Spott, Verachtung, Beschimpfung, Gefängnis, Krankheit und schließlich der Tod? … Ich bin bereit.
Damit nimmt er alle Leiden und Schicksalsschläge auf sich.

Zwei Ereignisse (25 Jahre stehen dazwischen) begrenzen diese Wandlung.

22. November 1955: Atomwaffen – Testgelände Semipalatinsk.
Nach dem erfolgreichen Test der ersten H-Bombe der Sowjetunion, deren Design auf Sacharow zurückgeht, wird dieser bei der anschließenden Feier vom kommandierenden General Nedelin brüskiert. Auf Sacharows Toast: Ich schlage vor, darauf zu trinken, dass unsere Produkte immer genauso erfolgreich wie heute über Versuchsgeländen explodieren mögen, doch niemals – über Städten… folgt eisiges Schweigen. Marschall Nedelin antwortete mit einem Gleichnis aus der russischen Mythologie, machte damit Sacharow klar, ihr Wissenschaftler entwickelt die Waffen, wann und wo sie eingesetzt werden, bestimmen allein Armee und Partei.

22. Januar 1980: Nach Jahren der Opposition gegen das Breschnew – Regime, 1975 hatte er dafür den Friedensnobelpreis erhalten, wird Sacharow auf dem Weg zur Arbeit verhaftet und es geht der Beschluss, A. D. Sacharow aus Moskau an einen Ort auszuweisen, der seine Kontakte zu ausländischen Bürgern unterbindet.
Noch am gleichen Tag wird Sacharow nach Gorki an der Wolga geflogen. Sechs Jahre der Verbannung folgen.

Doch Sacharow tritt seit den 70er Jahren nicht nur für Abrüstung, Menschenrechte und Meinungsfreiheit ein.
Er entwickelt das Konzept einer freiheitlichen Sowjetunion – mit für die damalige Zeit unerhörten Forderungen:
Ich will die Betriebe reprivatisieren. Ich will das Dienstleistungsgewerbe, den Kleinhandel, die Schulen und das ärztliche Versorgungssystem entstaatlichen. Ich will die Landwirtschaft – jedenfalls zum Teil – aus der Kollektivierung wieder herausführen. Ich will die Zwangsarbeit verbieten und das Streikrecht erlauben. Ich will jedem Bürger innerhalb und außerhalb der Grenzen Freizügigkeit gewähren. Ich verlange die Errichtung eines Mehrparteiensystems und das Sezessionsrecht für jede einzelne Republik der Sowjetunion.

Damit wird er nicht nur bei KGB – Chef Andropow zum Staatsfeind Nummer 1. Auch bei Linken im Westen gilt Sacharow als Feind, Verräter, Spion. Gar von einer Achse Strauß – Sacharow ist die Rede.
Andere erkennen die Zeichen, die von Sacharow ausgehen: Brandt, Bahr, Böll, Kelly, Havemann, warum ihm die historischen Erfahrungen unseres Landes den überflüssigen Linksdrall abgewöhnt haben. Doch nicht wenige, darunter Andropow, unterstellen Sacharow, sein Einsatz für Menschenrechte sei nicht mehr als der Ausdruck schlechten Gewissens nach seiner Arbeit an der Bombe.
Das ist nicht wahr. Ich entwickelte allmählich ein moralisches Bewußtsein bereits in den 50er Jahren.
Doch Sacharow war auch ein genialer Wissenschaftler. Auf ihn geht das Verbot der Atomwaffentests in der Atmosphäre zurück. Er sieht 1974 das Internet als demokratische Instanz für den freien Informationsaustausch vorher. Auf Artikel von Sacharow beruhen Grundthesen zur Verteilung von Materie und Antimaterie im Universum und zum Aufbau eines Kernfussionsreaktors, wie er heute in Frankreich gebaut wird.
Und, ohne den Atomphysiker Sacharow, den Vater der Wasserstoffbombe, hätte es das Gewissen der Sowjetunion, Sacharow, nicht gegeben. Bereits nach den ersten oppositionellen Demonstrationen Ende der 60er Jahre wäre er wohl in einer psychiatrischen Klinik oder einem Arbeitslager des GULAG verschwunden. Von 1968 bis zu seinem Tod 1989 steht er jedoch unter ständiger Beobachtung, leidet er unter den Schikanen des KGB.

Die Zeit nach der Rückkehr Sacharows aus der Verbannung am 23. Dezember 1986 bis zu seinem plötzlichen Tod am 14. Dezember 1989: es ist die Zeit, von der viele Beteiligte mit leuchtenden Augen sprechen werden, die Hoffnung auf Freiheit nach der Agonie. Reue und Der kalte Sommer der Jahre ’53 kommen in die Kinos. Die Filme der Jahre 87/88 transportieren dieses Lebensgefühl. Befreite sitzen in den Diskussionsstuben, ohne Angst.
Es gibt immer weniger verbotene Themen, die Menschen beginnen die Gesellschaft so zu sehen, wie sie in der Vergangenheit war und in der Gegenwart ist. Die Menschen müssen die Wahrheit wissen und die Möglichkeit haben, ihre Gedanken ungehindert zu äußern.
Draußen quält sich das überkommene System in überstürzten Wirtschaftsreformen. Doch die Gedanken sind frei. Sacharow wird zur alles überragenden moralischen Instanz. Dann 1988/89 seine Abrechnung mit dem Sowjetsystem, der Vorschlag einer neuen Verfassung ohne Machtanspruch der Partei, seine Reise in die USA, zu Reagan, und nach Frankreich. Sacharows Buch Moscow and Beyond 1986 – 1989, abgeschlossen Anfang Dezember 1989, fängt all diese Gefühle ein.

Dann Anfang Dezember 1989 in Moskau: Sacharow hielt eine Rede, in der er zum Warnstreik aufrief, um die Abschaffung des Paragraphen 6 der sowjetischen Verfassung, der den Führungsanspruch der Partei festlegte, zu forcieren. Nur Tage später stirbt A.D. plötzlich. Ein Unglück für Russland und die Welt.

Der Text ist die veränderte Fassung eines Filmexposes von 2008. Der Film wartet weiter darauf, endlich realisiert zu werden.
Dank an Klaus Bednarz, Lev Kopelev (1912-1997), Cornelia Gerstenmaier, Wilhelm Goerdt, Loren Graham, David Joravsky, Harry Maier (1935-2011)

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